Tempo & Übungsplan

Der fatalste Fehler, der dazu noch am häufigsten vorkommt ist, beim Üben das Tempo beliebig nach Gefühl zu wählen anstatt nach realistischen Gegebenheiten.

 

Letztere werden regelmäßig weit überschätzt. Man hat bereits eine Vorstellung im Hinterkopf, die dem Wunschklang angenähert ist und quält sich von einem zum nächsten Patzer ...

 

Das Gehirn ist innerhalb eines gewissen Rahmens in der Lage, Bewegungsabläufe zu kontrollieren, was in einer Sackgasse enden muss. Halbiert man das Tempo, kommt man  dem angemessenen Übungstempo oft viel näher.

 

Warum so langsam?

Nun, weil erst dadurch die Abläufe präzise und im Nervensystem auch so gespeichert und dann abgerufen werden, anstatt vom Gehirn gesteuert.

 

Für den Aufbau einer soliden Technik ist daher ein systematisches Vorgehen unerlässlich. Dieses Vorgehen halbiert die Übungszeit!

 

Dazu wird im folgenden ein Plan erstellt.  Man übt eine gewisse Zeit bei einem gewissen Tempo, bevor man auf das nächst höhere wechselt.

Ohne ein Taktell / Metronom wird das nicht möglich sein.

 

Die Qualität der Leistung muss bei steigendem Tempo konstant bleiben. Die Temposteigerungen sind daher so gering gewählt, dass sie kaum wahrnehmbar sind.  Schaut man sich die Zeiteinheiten auf einem manuellen Taktell/Metronom an, fällt auf, dass die Zeitsprünge bei langsamem Tempo kleiner sind. Von 40 - 60 bpm sind sie nur 2 bpm, bei 60 sind es 3 und erst ab 76 bpm steigen sie auf 4 bpm. Auch das ist sinnvoll und kann in die Überlegungen einbezogen werden.

 

Während einer Übungsphase muss die Qualität ohne Anstrengung hörbar besser und stabil werden, und an deren Ende muss sie bereits perfekt sein, sonst darf das Tempo nicht erhöht werden. (im Gegenteil)

 

Man sollte an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit nicht zu üben anfangen!

 

Dabei ist der Plan eher eine beispielhafte Vorgabe als eine Anweisung. Er muss individuell angepasst werden. Wie viel Zeit verwendet oder wie oft Wiederholungen bei welcher Übung absolviert werden, muss auf die Leistungsfähigkeit abgestimmt sein, und die darf nicht zu sehr herausgefordert werden.

 

Angenommen man hat eine Übung , die völlig neu ist. Die Finger haben so etwas noch nie gemacht. Also wählt man ein ultra langsames Tempo sowie eine längere Zeitspanne. Die könnte 5, 10 oder auch 15 Minuten sein. Ist man noch sehr unsicher, wird man sich vernünftigerweise für eine längere Zeitspanne entscheiden.

 

Sobald eine Übung fehlerfrei gespielt werden kann, ist das nicht das Ende der Übungssitzung, sondern der Beginn!

 

Der hier beschriebene Plan fängt bei 54 bpm an und die Zeitintervalle sind 4 bpm. Alles was langsame Tempi /Zeitintervalle erfordert, deckt er also nicht ab, aber das heißt nicht, dass die unnötig sind.

 

Die 54 bpm sind nur ein guter Start für Musiker, die die ersten technischen Hürden sowie den Zeitlupenblock bereits hinter sich haben und ihre Geläufigkeit verbessern wollen. Für Einsteiger und Ungeübte sind schon 40 bpm zu schnell, also bitte Vorsicht!

(siehe Zeitlupenblock)

 

Prinzipiell muss der Koordinationsprozess bereits abgeschlossen sein. Das gilt für alle Stilrichtungen. Auch ein Profi dürfte so langsam einsteigen, falls das Material kompliziert und komplex genug ist, obwohl der Lernprozess an sich natürlich schneller vonstatten geht..

 

Das saubere, entspannte und technisch einwandfreie Spiel von Vierteln bei 54 bpm sollte jedenfalls kein Problem sein, ansonsten ist auch dieses Tempo zu schnell!

 

Das vorausgesetzt könnte der Plan dann etwa wie folgt benutzt werden:

 

Zeitintervall: 3min (Eieruhr)

Material: Dur Tonleiter über 2 Oktaven

 

 - 3 min qualitativ einwandfreies Spiel Viertel bei 54 bpm

 - dann das nächst höhere Tempo ebenfalls 3 min etc.

 - der erste Block bis 63 bpm sind 15 min effektive Übung

 - Erholungspause von 1 Minute

 

Hätte man ein 5min Zeitintervall gewählt, wären es insgesamt 25 min.

Von daher muss man sich im Vorhinein entscheiden, wie lange man üben will, wobei 30min täglich als Minimum in den Raum gestellt wurde, um einen Lerneffekt zu erzeugen. Viele sagen, dass man nach 30 min erst mal warm gelaufen ist! (schließe mich an..!)

Ich möchte die Lerneffekte, die durch kontinuierliche Kurzzeit- Sitzungen erreicht werden könnten, aber nicht völlig ausschließen. Jede Sitzung, die effektiv durchgeführt wird, dürfe einen Effekt haben.

Jedenfalls wird man zu entscheiden haben, in wie weit man die Sitzung gestaltet (wobei die besten Voraussetzungen dafür ein extra Thema sind.)

 

Am Ende einer Sitzung kann man auch noch einige Schritte zurück gehen, also wieder langsamer üben. (das ist die These eines Übungsprogramms, angelehnt an das "Auslaufen" wie beim Sport. Dazu fehlt mir die Erfahrung - es könnte jedoch sehr positive Effekte haben)

 

 Angenommen, man hat auch den zweiten Block absolviert, und möchte es für heute gut sein lassen, um am nächsten Tag anzuknüpfen:

 

 - nicht mit dem End-Tempo des Vortags zu weitermachen, 2-3 Tempi langsamer beginnen, als man am Vortag aufgehört hat.


Es soll eine Einspielphase erfolgen. Die biologischen Speicherchips langsam auf

Betriebstemperatur bringen! Man muss selbst das Gespür entwickeln, was angemessen ist!

 

 - Hat man alle drei Blöcke absolviert, kann man das Material bei 100 bpm spielen und fängt wieder bei 54 bpm an, diesmal aber in Achtel.

- nach Durchgang der drei Blöcke kommen die letzten drei, bis man  Sechzehntel bei 100 bpm spielen kann.

 

Es gibt natürlich eifrige Spieler, die alle drei Blocks an einem Tag absolvieren.

Allerdings hat das Ganze sicher Grenzen. Rein theoretisch könnte man den kompletten Plan innerhalb kurzer Zeit absolvieren, was aber unrealistisch ist. Man kann wohl kaum innerhalb weniger Tage von 54 bpm in Vierteln auf 100 bpm in Sechzehnteln kommen, ohne sich eine schlampige Technik anzueignen, die unschön klingt und dazu schwer zu korrigieren ist.

 

  • Ein wichtiger Nebeneffekt dieser Vorgehensweise ist: Man kann seinen "inneren Schweinehund" austricksen! Es ist ungemein hilfreich, wenn man den Plan erstellt hat und genau weiß, wann man anfängt, und vor allem WANN MAN FERTIG IST!

 

Keine Lust zu üben? Egal, einfach anfangen, nach den ersten paar Tönen ist man auch schon wieder in der Spur! Die Uhr sagt einem, dass man ja fast schon durch ist!

 

Hier der Plan. Klickt man auf das Bild, wird ein neues Fenster mit einem online- Metronom geöffnet. (Seite erst vollständig laden lassen) Wie sagte noch Paul Gilbert am Telefon:

 

"Start your practice  .. right ... nooooow !"

 

 

 

 

Tags: üben Metronom

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